Dein Körper schreit nicht einfach so.

Was Migräne wirklich ist - und was sie dir sagen will.

Du kennst diesen Typ Mensch. Vielleicht bist du selbst dieser Typ Mensch.

Immer erreichbar. Immer professionell. Immer ein Lächeln im Gesicht, egal was gerade dahinter los ist. Die Kollegin, die als letzte geht. Die Freundin, bei der man immer anrufen kann. 

Die Person, die nie krank wird - bis sie umfällt.

Und dann, meistens an einem Wochenende, wenn es endlich ruhig werden darf: Die Migräne.

Nicht ein einfacher Kopfschmerz. 

Sondern die Variante, bei der Licht wehtut, Geräusche wehtun, der bloße Gedanke wehtut. 

Die Variante, bei der man sich in einem dunklen Zimmer verbarrikadiert und einfach will, dass es aufhört.

Und dann: eine Ibuprofen. Noch eine. Irgendwann die ganze Packung.

Aber zunächst: Was ist Migräne eigentlich?

Das Gehirn, das zu viel gehorcht hat

Migräne ist keine Einbildung. Sie ist auch keine Frage der Willenskraft. 

Migräne hat eine genetische Grundlage - das Nervensystem mancher Menschen reagiert anders, sensibler, schneller auf Reize.

Genetik ist der Zündstoff. Stress ist das Feuer.

Was im Körper passiert: 

Das Gehirn selbst hat keine Schmerzrezeptoren. 
Was du bei Migräne spürst, kommt nicht aus dem Gehirn direkt, sondern aus dem, was es umgibt: die Hirnhäute, die feinen Blutgefäße darin, und ein Netzwerk von Nerven - allen voran der Trigeminusnerv, der Gesicht, Schläfe und Stirn versorgt.

Bei einer Migräneattacke läuft (vereinfacht) folgendes ab: 

Eine Welle elektrischer Aktivität breitet sich über die Hirnrinde aus. 
Das trigeminale Schmerzsystem wird aktiviert. 
Bestimmte Neuropeptide werden freigesetzt - darunter CGRP, ein Botenstoff, der stark gefäßerweiternd wirkt und Entzündungsreaktionen in den Hirnhäuten auslöst. 

Das Ergebnis:
pulsierender Schmerz, Lichtempfindlichkeit, Übelkeit.

Kurz: 

Dein Nervensystem gerät in einen Ausnahmezustand. 

Und dieser Ausnahmezustand hat Vorläufer. Oft viele Stunden, manchmal Tage vorher.

Die Frage ist: Hast du sie gehört?

Der Körper flüstert, bevor er schreit

Es gibt eine Mentalität, die im deutschen Sprachraum besonders gut gedeiht: Stell dich nicht so an.

Diese Mentalität sitzt tief. 
In der Art, wie wir Erschöpfung wegfunktionieren statt sie ernst zu nehmen. 
In der Art, wie wir in Meetings nicken, auch wenn alles in uns sagt: Nein. 

In der Art, wie wir Wut schlucken, weil sie unprofessionell ist. 

Weil wir keinen Ärger machen wollen. Weil wir doch wissen, wie es dann wird.

Aber Wut geht nicht weg, nur weil man sie nicht zeigt. 

Sie geht - meistens in die eigene Muskulatur.

Nacken, Schultern, Kiefer. 

Die klassischen Migräne-Baustellen sind auch die klassischen Stress-Speicher.

Das ist keine Metapher - das ist Anatomie. 
Chronische Muskelspannung im Nacken- und Schulterbereich beeinflusst direkt die Nerven- und Gefäßversorgung des Kopfes. 

Fachleute sprechen vom trigeminoservikalen Komplex - einem gut beschriebenen Zusammenhang zwischen dem trigeminalen Schmerzsystem und dem Nackenbereich. 

Das erklärt, warum Nackenschmerz so oft mit Migräne einhergeht. Kein Zufall.

Und dann ist da noch etwas, das in der Körpertherapie gut bekannt ist, in der Schulmedizin aber selten erwähnt wird:
der Zusammenhang zwischen dem Beckenboden und dem Nacken. 

Wenn wir uns unter Druck setzen - im wörtlichen wie übertragenen Sinne - spannen wir oft beides gleichzeitig an. 
Arschbacken zusammenkneifen ist nicht nur ein Spruch. 

Es ist eine psychosomatische Realität. 
Permanente tonische Anspannung im unteren Rumpf hat Auswirkungen auf die gesamte Körperachse bis hoch in den Kopfbereich.

Dein Körper ist kein Zufallsgenerator. Er sendet gezielt Signale.
Zuerst leise: Verspannung hier, Schlafprobleme da, Reizbarkeit, ein ziehender Schmerz im Nacken an stressigen Tagen. 
Und wenn diese Signale konsequent ignoriert werden - weil keine Zeit ist, weil man sich nicht anstellen soll, weil noch was erledigt werden muss - dann schreit er.

Dann kommt die Migräne.

Das Ibuprofen-Problem

Ibuprofen hilft. Das ist wahr. Kurzfristig, akut, als Notlösung - ja.

Aber:
Wer Schmerzmittel an mehr als zehn bis fünfzehn Tagen im Monat nimmt, läuft Gefahr, einen sogenannten Medikamenten-Übergebrauchs-Kopfschmerz zu entwickeln. 

Das Mittel, das eigentlich helfen soll, wird selbst zur Ursache. 
Der Körper gewöhnt sich an die chemische Regulierung - und hört auf, selbst zu regulieren.

Und dann sind da noch die Nieren. NSAIDs wie Ibuprofen werden über die Nieren abgebaut.
Dauerhaft, in hohen Dosen: kein Kavaliersdelikt.

Niemand greift so oft zur Packung, weil er es nicht besser wüsste. 

Man tut es, weil man funktionieren muss. Weil keine Zeit ist, krank zu sein. 

Weil die Alternative - im Dunkeln liegen und warten - sich auch nicht wie eine Lösung anfühlt.

Aber eine Tablette, die den Schmerz dämpft, ohne das Muster dahinter anzuschauen, ist immer Symptombehandlung. Manchmal richtig. Nie genug.

Botox: Was es wirklich macht (und was nicht)

In der Behandlung chronischer Migräne (das heißt: mehr als fünfzehn Kopfschmerztage im Monat) wird Botox eingesetzt - und es wirkt bei einem Teil der Betroffenen.

Aber nicht, wie oft erklärt wird.

Die volkstümliche Version lautet: 

Botox entspannt die Muskeln, weniger Stirnrunzeln, weniger Verspannung, weniger Migräne. 

Das klingt logisch, stimmt aber nur halb.

Der eigentliche Mechanismus:

Botulinumtoxin hemmt die Freisetzung von Neurotransmittern und Neuropeptiden - darunter auch CGRP - aus den Nervenendigungen. 
Es greift also direkt in das Schmerzsignalsystem ein, nicht nur in die Muskelspannung.

Das bedeutet: 

Es dämpft das Schmerzsignal. Aber es trainiert nichts. Ein gelähmter Muskel kann nicht lernen. 

Ein blockiertes Nervensignal verschwindet nicht - es kommt wieder, sobald Botox abbaut.

Botox ist ein Pflaster. 

Kein schlechtes Pflaster, für manche Menschen ein sinnvolles - aber kein Umgang mit der Ursache.

Nein sagen zu lernen dagegen ist für viele erstmal alles andere als attraktiv. 
Es braucht Zeit.
Manchmal braucht es therapeutische Begleitung - denn Nein sagen bedeutet nicht nur, einen Satz auszusprechen. 
Es bedeutet, auszuhalten, dass andere einen plötzlich weniger bequem finden. 

Dass man nicht mehr die ist, bei der man immer anrufen kann. Dass das okay ist.

Das ist keine kleine Übung. 

Aber es verändert etwas in der Grundspannung, die den Körper täglich kostet. 
Und das ohne Spritze.

Was tatsächlich hilft

Biofeedback: aus der Ohnmacht raus

Eines der frustrierendsten Erlebnisse bei Migräne ist das Gefühl der Hilflosigkeit: 

Der Schmerz kommt, und man kann nichts tun außer warten.

Das stimmt nicht ganz.

Biofeedback ist eine Methode, bei der du lernst, physiologische Prozesse bewusst zu beeinflussen, die normalerweise autonom ablaufen - also ohne dein Zutun. Herzrate. Muskelspannung. Hautleitfähigkeit. In manchen Ansätzen auch: Blutfluss.

Dein autonomes Nervensystem ist nicht ganz so autonom, wie der Name suggeriert. 

Es lässt sich beeinflussen - durch Atemtechniken, durch gezielte Entspannung, durch das visuelle Feedback, das dir in Echtzeit zeigt, was in deinem Körper passiert, wenn du dich veränderst.

In psychosomatischen Rehakliniken arbeiten Menschen zum Beispiel mit einer visuellen Darstellung ihres Blutflusses - angezeigt als Wasserfall auf einem Bildschirm. 

Angeschlossen an Elektroden lernen sie, diesen Wasserfall zu regulieren. 

Mit messbaren Effekten - auch später, wenn der Bildschirm längst weg ist.

Das klingt nach Science-Fiction, ist aber gut erforschte Praxis.

Der eigentliche Wert dabei ist nicht nur physiologisch: 

Du übst Einfluss auf etwas aus, bei dem du bisher dachtest, du hast keinen.
Das verändert das Verhältnis zu deinem Körper grundlegend. 

Aus der Schmerz passiert mir wird langsam: Ich kann etwas tun.

Biofeedback wird ambulant von Psychotherapeuten, Ärzten und teils auch Ergotherapeuten angeboten. Einen Therapeuten in der Nähe findest du über die Deutsche Gesellschaft für Biofeedback (dgbfb.de). 
Wichtig zu wissen: 
Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten bisher meist nicht - es ist eine Selbstzahlerleistung. Je nach Kasse lohnt sich eine Anfrage, ob eine Teilerstattung möglich ist.

Nein sagen als Körpertherapie

Das klingt erst mal verwirrend. Aber es ist vielleicht der direkteste Weg in die Ursache.

Wenn du chronisch Signale ignorierst - eigene Bedürfnisse, eigene Grenzen, eigene Erschöpfung - trainiert dein Nervensystem genau das: ignorieren.

Und irgendwann muss der Körper lauter werden, um überhaupt noch gehört zu werden.

Nein zu sagen ist Selbstfürsorge.

Und wenn Selbstfürsorge als unhöflich gilt, ist das das eigentliche Problem.

Es ist der Unterschied zwischen:

Ich spüre, dass hier meine Grenze ist - und zwei Tage später flach liegen.

Das ist keine Metapher. Das ist Stressphysiologie.

Die kleinen Signale ernst nehmen

Migräne hat Vorboten. Meistens.
Ein Ziehen im Nacken. Lichtempfindlichkeit, die noch kein Schmerz ist. Eine Stimmung, die kippt. Gähnen, das seltsam tief ist.

Wer diese Signale früh erkennt, kann früh reagieren. 
Nicht zwingend mit Tabletten - sondern mit Pause. Mit Dunkelheit. 
Mit: Ich nehme mir jetzt zehn Minuten, bevor ich das nicht mehr kann.

Es sollte nicht als Luxus gelten dieses Frühwarnsystem zu nutzen.

Wie das alles zusammenhängt

Migräne ist nicht einfach ein neurologisches Problem, das zufällig passiert. 

Sie ist oft das laute Ende einer langen Kette leiser Kompromisse.

Zu oft Ja gesagt. Zu selten hingehört. Zu viel geschluckt.

Es bedeutet, dass deine körperliche Gesundheit auf dem Spiel steht, wenn du dauerhaft gegen deine Signale arbeitest.

Die Tablette ist manchmal richtig. Aber die Frage, die sich lohnt: 

Was hat der Körper gerade versucht zu sagen - bevor er schreien musste?

Elena Tinkloh ist Psychologische Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie) und hilft Menschen, die Verbindung zwischen Körper und Nervensystem wieder herzustellen. pinkpunkpsychology.com

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Prinzen brauchen wir nicht. Innere Drachen schon.