Oktober-Special „Spooky Psychology“, Teil 3/3
Eine schwere Entscheidung - und ein ungewöhnlicher Tipp
Egal wie viel am Schicksal dran ist - und egal wie viel Biologie und Herkunft mitreden:
Du hast erstaunlich viel Einfluss auf deinen Lebensweg.
Blöd nur, dass es sich oft überhaupt nicht so anfühlt. Entscheidungen zu treffen, große wie kleine, kann sich freakig schwer anfühlen. Wie findet man raus, was „für einen bestimmt“ ist - und was nur Ablenkung?
Ich erzähle dir davon, wie ich bei einer herausfordernden Entscheidung das erste Mal den Weg zu einem Medium gewählt habe. Den Tipp bekam ich - Plot Twist - von meinem damaligen Therapeuten.
Ich stand an einem Scheideweg: raus aus der Klinik, rein in die Selbstständigkeit? Der sichere Weg der Anstellung fühlte sich zunehmend falsch an, der eigene Weg unklar und risikoreich.
In genau dieser Phase erzählte mir mein Therapeut von einem Mann im Schwarzwald, der „Dinge sieht“. Ich musste da hin. Meine Freundin und Kollegin Becci kam mit - halb aus Neugier, halb weil mich die Idee ehrlich gesagt etwas gruselte.
Ein Dorf im Schwarzwald
Wir fuhren in ein winziges Dorf und standen dann vor einem riesigen Schild:
„Medium - Vergangenheit, Gegenwart & Zukunft“. Becci und ich, die wir in unserem Feld über solche Themen bisher nur unter uns gesprochen hatten, waren baff: Manche Leute haben schlicht keine Lust, sich zu verstecken. Cool.
Er hatte extra einen zweiten Raum weiter hinten, mit eigener Tür. Die Klientin vor mir redete beim Rausgehen aber einfach weiter, und er antwortete. So hörten wir: „Ich hab es Ihnen schon oft gesagt: Ich sehe keinen Mann, der auf Sie wartet. Aber eins ist klar: Wenn Sie nicht rausgehen, treffen Sie keinen - ob einer wartet oder nicht. Und bitte hören Sie auf, immer wieder mit derselben Frage zu kommen, ich antworte doch seit einem Jahr immer dasselbe.“
Ich musste schmunzeln - und habe mich ein bisschen wiedererkannt. Was zu tun wäre, wissen wir oft längst, ob aus der Therapie oder vom Wahrsager. Das Schwerste ist, es selbst umzusetzen.
Dann war ich dran. Er fragte nichts. Ich setzte mich - er redete los. Den Blick über meine rechte Schulter gerichtet, erzählte er mir Dinge über meine Familie. Vieles davon stimmte. Ich saß da und war verwundert.
Gibt es echte Hellseher? Was die Forschung sagt
Hier könnte ich jetzt schreiben: „Der Mann hat übersinnliche Fähigkeiten.“ Oder: „Alles Humbug.“ Beides wäre mir zu einfach.
Was die Forschung bisher klar zeigt: Sobald Medien ihr Gegenüber weder sehen noch hören können, verschwindet die Treffsicherheit. In einer Studie von O’Keeffe und Wiseman (2005) bewerteten die Teilnehmenden anschließend, welche Readings auf sie zutrafen.
Ergebnis: Die Medien lagen nicht über dem Zufall. Einzelne Studien berichten zwar Treffer, stehen aber methodisch in der Kritik.
Warum fühlt sich ein Reading dann so treffend an? Zwei Erklärungen sind gut untersucht.
Cold Reading: Wie gute Reader arbeiten
Cold Reading nennt man die Technik, jemanden ohne Vorwissen scheinbar treffsicher zu „lesen“. Sie funktioniert vor allem über Wahrscheinlichkeiten:
Familienthemen, ein schwieriges Verhältnis zu einem Elternteil, eine offene Entscheidung - das passt auf fast alle, die zu einem Medium gehen. Dazu kommen kleine Testballons: ein Halbsatz, eine vage Andeutung. Landet etwas, wird es ausgebaut. Landet es nicht, verschwindet es unauffällig. Und unser Gedächtnis hilft mit: Treffer bleiben hängen, Fehlschüsse vergessen wir.
Barnum-Effekt einfach erklärt - am Beispiel Schwarzwald
1948 gab der Psychologe Bertram Forer seinen Studierenden einen angeblich persönlichen Persönlichkeitsbericht. Alle bekamen denselben Text, zusammengesetzt unter anderem aus Horoskopen. Im Schnitt bewerteten sie ihn mit über 4 von 5 Punkten als zutreffend. Aussagen, die auf viele passen, fühlen sich persönlich an - vor allem, wenn wir eine Deutung suchen.
Und wer an einem Scheideweg in den Schwarzwald fährt, sucht eine.
Erklärt das alles, was an diesem Nachmittag passiert ist? Ehrlich: Ich weiß es nicht.
Und ich habe beschlossen, dass ich das nicht wissen muss. Man kann offen bleiben, ohne gläubig zu werden - und kritisch, ohne alles wegzuerklären.
Denn das Interessanteste an diesem Besuch war sowieso etwas anderes.
Der Satz, der hängen blieb
Irgendwann unterbrach ich ihn. Das alles wusste ich schon - ich kenne meine Familie schließlich seit einer Weile. Ich war für die Zukunft gekommen. Er fragte, was ich beruflich mache. Ich erzählte es ihm. Die Energie im Raum änderte sich.
Er sagte sinngemäß: „Ich verstehe dein Konzept nicht, aber ich sehe, dass es gebraucht wird. Beeil dich. Du hilfst einer Person, dann kommen viele. Aber du musst raus aus der Klinik - sie macht dich krank.“
Und da war er, der Satz. Neu war er nicht. Ich kannte ihn längst. Mein Bauch hatte das seit Monaten gesagt. Ich hatte nur nicht zugehört - oder genauer: Ich hatte es gehört und die Entscheidung auf „später“ vertagt.
Um zu erkennen, dass „das Alte“ nichts mehr für mich war, hätte es keine übersinnlichen Fähigkeiten gebraucht. Aber es machte etwas mit mir, diese Botschaft von jemandem zu hören, der mich nicht kannte, nichts von mir wollte und keinen Anteil an meiner Entscheidung hatte.
Die Stunde kostete faires Geld - weniger als ein Friseurtermin -, egal wie zufrieden man mit der Deutung war. Zum Abschied meinte er, ich solle ihm meine Visitenkarte vorbeibringen, sobald ich welche hätte: Manche Menschen, die zu ihm kämen, würde er gern an Therapeut*innen weiterverweisen. Denen könne er nicht helfen.
Warum Menschen zu Hellsehern gehen
Ich glaube, hier liegt ein wichtiger Grund, warum Menschen seit Jahrtausenden und quer durch alle Kulturen Wahrsager*innen, Kartenleger*innen und Medien aufsuchen: Sie suchen eine Stimme, die bestätigt, was sie innerlich längst spüren - und sich noch nicht zu glauben trauen. Natürlich wollen viele auch wissen, was kommt. Aber Unsicherheit ist schwer auszuhalten. Entscheidungen können einsam machen. Und manchmal spürt man längst, wohin es gehen sollte, und traut sich trotzdem nicht, den Schritt zu gehen.
Ein Rat von außen entlastet: Wer eine schwere Entscheidung trifft, teilt die Verantwortung gern mit jemandem. Und wer selbst nichts davon hat, wie wir uns entscheiden, wirkt besonders glaubwürdig. Spricht so jemand aus, was innerlich längst entschieden ist, wirkt das wie ein Katalysator. (Fun Fact: In der Therapie ist es oft andersherum. Dort wirkt es meist am stärksten, wenn du es selbst aussprichst.)
Das erklärt auch, warum Becci an dem Tag etwas Ähnliches erlebte. Ihr wurde ein neuer Partner vorausgesagt - der exakt aussah wie ihr jetziger. Einige Wochen später führte sie ein längst überfälliges, intensives Gespräch mit ihm. Danach sagte sie mir, sie habe tatsächlich einen neuen Partner bekommen. Nur eben keinen neuen Mann. Eher eine neue Version des alten.
Man kann das Prophezeiung nennen. Oder einen Anstoß, der eine fertige Entscheidung endlich fallen ließ. Vielleicht ist der Unterschied kleiner, als beide Lager glauben.
Entscheidungen treffen ohne Medium: zwei Fragen
Den Effekt von damals kannst du dir auch ohne Fahrt in den Schwarzwald holen.
1. Was spürst du, wenn die Münze landet?
Gib jeder Seite der Münze eine deiner Möglichkeiten: Fred oder Franz. Tortellini oder Pizza. Gründung oder Festanstellung. Dann wirf. Entscheidend ist der Moment, in dem sie landet: Bist du erleichtert oder enttäuscht? Studien zeigen, dass ein Münzwurf die eigenen Gefühle zu den Optionen deutlicher macht (Jaffé et al., 2019). Die Münze ist dabei, was für mich das Medium war: ein Anstoß von außen, ohne eigenes Interesse an einer bestimmten Antwort.
2. Ist das Bauchgefühl - oder Angst?
Beide melden sich im Körper, beide fühlen sich wie Wissen an. Eine Faustregel aus der Praxis: Angst ist oft laut, drängend und malt Katastrophen. Ein Bauchgefühl ist häufig leiser - und kommt immer wieder, auch wenn du es vertagst. Wie du die beiden auseinanderhältst und was dabei in Darm und Nervensystem passiert, erkläre ich ausführlich in meinem Artikel über das Bauchgefühl.
Weder Nornen noch Medien sehen alles
Und damit zurück zum Oktober-Thema: In der nordischen Mythologie gilt das Schicksal als ziemlich fest - selbst Odin kann Ragnarök nicht aufhalten. Und doch steckt im Namen der dritten Norne ein Spielraum: Skuld ist verwandt mit „sollen“ und mit „Schuld“. Das, was werden soll - und das, was wir dem Kommenden schulden. Vielleicht schulden wir unserer Zukunft genau das: dass wir sie aktiv mitgestalten. Dass wir integrieren, was war - und trotzdem selbst am Steuer sitzen.
Vielleicht liegt manches vor uns bereit. Aber was für dich bestimmt ist, wird erst deins, wenn du hingehst und es willst. Was nicht deins ist, fühlt sich manchmal sicher an - und bleibt trotzdem unbefriedigend.
Der beste Kompass, den ich kenne: das Bauchgefühl - auch wenn es oft vage bleibt. Verarbeitet vom Verstand. Und liebevoll geprüft durch die Brille des Selbstmitgefühls.
Lass Neugier deine Reiseführerin sein, Intuition deinen Kompass.
Das Finale von „Spooky Psychology“ gibt es am 30.10. nur im Newsletter.
Alle Teile des Oktober-Specials:
Teil 1: Schicksalsfäden: Warum sich Verhaltensmuster wiederholen
Teil 2: Fäden kappen: Warum Rituale wirken, wo Verstehen allein nicht reicht
An dieser Stelle liebe Grüße an Becci - danke, dass ich deine Geschichte und unsere Erlebnisse beim gut besuchten Medium im kleinen Dorf erzählen darf.Elena Tinkloh ist approbierte Psychologische Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie) und Gründerin von Pink Punk Psychology. Seit 2022 ist sie selbstständig, seit 2025 in eigener Praxis
- der Schritt, um den es in diesem Artikel geht.

